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Können wir noch verdichten ohne Kulturland zu opfern?

  • Writer: Basel.vorwärts
    Basel.vorwärts
  • Jan 9
  • 2 min read

Updated: Jan 22

Wer mit Zug oder Auto durch die Schweiz fährt, dem wird schnell klar: Wir leben dicht. Dörfer wachsen, Grünflächen von anno dazumal sind weg, Städte scheinen aus allen Nähten zu platzen. Wo sollen zusätzliche Menschen leben, wenn nicht auf den noch verbleibenden Grünflächen? SOTOMO, das bekannte Meinungsforschungsunternehmen hat sich mit dem Thema Verdichtung auseinandergesetzt und ist zu einem spannenden Schluss gekommen:  Wohnraum für zwei Millionen Menschen ohne Einzonungen von Kulturlandschaft geht. Wie das?


Drei etwa gleich hohe Wohnblöcke im Hintergrund und eine gepflasterte Brücke im Vordergrund.

Die Schweiz steht bei der Verdichtung vor einer anspruchsvollen Aufgabe. Mehr Wohnraum schaffen, ohne Landwirtschaftsflächen weiter zu überbauen. Die vorgeschlagene Strategie: dichter bauen – idealerweise aber nur dort, wo bereits Infrastruktur wie Schulen, ÖV und Versorgung bestehen. Innenentwicklung bedeutet also nicht einfach «höher und dichter», sondern eine Veränderung zu bestehenden Zentren hin, die Wohnraumbedarf, Ökologie und Lebensqualität miteinander verbinden soll.


Unterschieden werden zwei Perspektiven: einerseits das quantitative Flächenangebot, das zeigt, wo baulich noch Reserven bestehen, andererseits den qualitativen Handlungsbedarf, der aufzeigt, wo die Rahmenbedingungen – etwa Nahversorgung, Nutzungsmix, Grünraum, Ruhe oder Erreichbarkeit – noch nicht stimmen. Damit wird klar: Innenentwicklung ist nicht nur eine technische Verdichtungsaufgabe, sondern verlangt auch ein gutes Augenmass für soziale und räumliche Qualitäten.


Die Analyse bringt bemerkenswerte Zahlen: Rund 30 Prozent der bestehenden Siedlungsfläche könnte weiterentwickelt werden. Nur schon die Aktivierung eines Teils davon würde Wohnraum für bis zu zwei Millionen Menschen schaffen, ohne den Siedlungsraum zu vergrössern und ohne neuen, kaum finanzierbaren Ausbau der bestehenden Infrastruktur. Innenentwicklung funktioniert aber nur, wenn sie breit abgestützt ist, also einen Mehrwert für einen grösseren Teil der Bevölkerung darstellt. Verdichtung, die als Überbauung empfunden wird, stösst auf Widerstand; Verdichtung, die auch die bestehenden Quartiere aufwertet, findet eher Zustimmung.


Für die Projektentwickler:innen und Politik ergibt sich daraus ein klarer Auftrag. Gemeinden können Verdichtung nicht einfach geschehen lassen, sondern müssen aktiv steuern – mit angepassten Bau- und Zonenordnungen, besserer Nutzungsdurchmischung, abgestimmten Mobilitätskonzepten und Strategien für den öffentlichen Raum und die Begrünung. Da viele Potenziale in bereits stadtähnlichen Gebieten liegen, gewinnt auch für die beiden Basel die Zusammenarbeit über Gemeinde- und Kantonsgrenzen hinweg an Bedeutung. Innenentwicklung wird damit zu einer umfassenden Aufgabe, die nach Koordination, Beteiligung und Kommunikation verlangt.


Räumlich betrachtet liegen die grössten Potenziale wenig überraschend in den Städten und Agglomerationen, wo ÖV, Versorgung und Anbindung bereits vorhanden sind. Doch auch kleinere Gemeinden mit guter Erreichbarkeit und funktionaler Einbindung in grössere Zentren verfügen über Potenziale. Innenentwicklung ist somit kein rein städtisches Projekt, sondern ein Thema für die ganze Schweiz – jedoch mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Prioritäten.


Innenentwicklung braucht eine aktive Steuerung, angepasste Regeln und eine bessere Zusammenarbeit. Viele Gemeinden haben dafür jedoch weder die nötigen Ressourcen noch politische Spielräume. Zusätzlich erschweren Zielkonflikte den Prozess – etwa zwischen Verdichtung und Freiraum, Ruhe und Nutzungsmix oder bezahlbarem Wohnen und Aufwertung. Unklar bleibt oft auch, wie «Qualität» definiert und gemessen wird. Innenentwicklung ist damit weniger ein technisches Planungsprojekt als ein gesellschaftlicher Prozess. Den Dialog zu lancieren und Hürden abzubauen sind eine grosse, aber unumgängliche Herausforderung aller. 

 
 
 

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