Henkersplatz, Ozeanium-Debakel, Verkehrschaos. Was kann die Heuwaage retten?
- Feb 10
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Wo vor 200 Jahren noch Köpfe rollten, rauchen sie heute. Wie kann das Sorgenkind Heuwaage zum Vorzeige-Eingangstor entwickelt werden? Geht das überhaupt? Erste Schritte sind getan, doch es braucht noch deutlich mehr.

Die Heuwaage – heutiger Verkehrsknotenpunkt in Basel – hat eine lange, düstere Geschichte. Nachdem 1819 zum letzten Mal drei Diebe vor 20'000 Schaulustigen mit dem Schwert geköpft worden waren, mutierte die Heuwaage im Anschluss zum Viehmarkt. Tagelöhner, Fuhrleute und «raues Gesindel» übernahmen den Platz. Frauen und Kindern wurde abgeraten, sich dort aufzuhalten. Ende der 1990er Jahre prägten Drogenabhängige, die sich im Gassenzimmer mit sauberen Spritzen versorgten, das Bild der ungeliebten Heuwaage. Auch in den letzten Jahren rissen die negativen Schlagzeilen nicht ab. Immer wieder gab es Zwischenfälle, wenn Nachtschwärmer zu später Stunde auf dem Nachhauseweg waren.
Gut Ding will Weile haben
Ob die Vergangenheit schuld daran ist, dass die Heuwaage bis heute kein attraktiver Ort ist? An visionären Ideen und Projekten, die für eine Aufwertung gesorgt hätten, hat es nie gemangelt. Bereits in den 1930er Jahren machte ein Ingenieurbüro den kühnen Vorschlag, für den aufkommenden Verkehr eine Brücke zwischen dem Steinengraben und der Elisabethen-Anlage zu errichten. Immerhin wurde dieses Vorhaben realisiert, wenn auch erst 40 Jahre später.
Scheitern als Normalität
Andere prominente Projekte haben es an der Heuwaage nicht geschafft. So konnte zum Beispiel das Ende der 1990er Jahre entworfene Multiplexkino von Herzog & de Meuron aufgrund des Volksneins nicht realisiert werden. Eben so wenig das Ozeanium, das 2019 an der Urne scheiterte. Zu hoch die Kosten für eine Verlegung der Tramschlaufen beim Kino. Zu teuer, aus Perspektive der Tierethik nicht vertretbar und nicht dem Zeitgeist entsprechend, hiess es bei der Ablehnung des Meerwasseraquariums. Rein architektonisch hätten beide Projekte überzeugt. Aber das reicht eben oft auch nicht.
Licht am Horizont
«Endlich!», dürfte sich manch einer denken. Endlich geht etwas an der Heuwaage. Nach über acht Jahren Planung hat der Abriss des alten Hochhauses am Anfang der Steinenvorstadt im Januar begonnen. Es wird Platz gemacht für das durch die Basellandschaftliche Pensionskasse finanzierte Hochhaus «Am Steinentor» des Basler Architekturbüros Miller & Maranta. Der Zugang zum Stadtzentrum wird mit diesem Gebäudekomplex endlich wieder einladender. Moderne Wohnungen, Gastronomie und Verkaufsflächen schaffen neue Angebote im Steinenquartier.
Was bisher geschah und demnächst ansteht
Um die Heuwaage als Ganzes jedoch weiterzuentwickeln und noch attraktiver zu machen, braucht es weitere bauliche Veränderungen vom Viadukt bis zum Eingang des Zollis. Erste Projekte sind bereits realisiert oder im Gange. Das neugebaute Kulturzentrum «Kuppel» hat 2025 seinen Betrieb aufgenommen. Entlang der Birsig wurde das Nachtigallenwäldli saniert. Beides trägt wesentlich zu einem attraktiveren Erscheinungsbild bei.
Am Erdbeergraben entsteht ein Parkhaus mit 280 Plätzen. Finanziert wird das Projekt von einem privaten Immobilienfonds. Dafür will der Zolli auf dem bestehenden Parkplatz mehr Platz für seine Tiere schaffen und physisch näher an die Stadt rücken.
Sorgenkind Verkehr
Die Heuwaage ist primär ein grosser Verkehrsknoten: Zwei grosse Parkhäuser, fünf Tramlinien und vier Autospuren auf dem Viadukt treffen aufeinander. Die Heuwaage neu zu denken bedeutet, sich mit einer komplett anderen Verkehrsführung auseinander zu setzen. Das ist nicht nur hochkomplex, sondern auch teuer. Keine einfache, aber dringend notwendige Aufgabe, auch wenn mit dem angedachten Kreisel erste Anläufe genommen worden sind.
Quo vadis, Heuwaage?
Doch all diese Massnahmen werden nicht reichen, um den gordischen Knoten im Zentrum der Heuwaage zu lösen. Es wird städtebaulichen Mut für Veränderungen brauchen. Mut, der dem Ort aber nicht die gute Erschliessung nimmt oder weitere Parkplätze abbaut. Es braucht Rahmenbedingungen, die die Heuwaage für Investitionen attraktiver machen und überzeugende Nutzungskonzepte, die der einmaligen, aber anspruchsvollen Lage gerecht werden. Das neue Hochhaus «Am Steinentor» geht mit wehenden Fahnen voraus. Es bleibt zu hoffen, dass wir auf die nächsten Veränderungen keine 40 Jahre mehr warten müssen.




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