Immer mehr Wohnraum – aber wo arbeiten denn die Leute?
Wohnungen rücken näher an Hafen- und Industrieareale, während geeignete Wirtschaftsflächen knapp werden. Andrea Grisard, Verwaltungsratspräsidentin der Ultra-Brag AG, erklärt, weshalb Industrie und Logistik zusammengehören und wie neue Wohnnutzungen den Hafenbetrieb gefährden können.

Frau Grisard, wenn wir am Basler Hafen stehen, sehen wir Kräne, Schiffe, Silos und Gleise. Was sehen Sie, das die meisten Baslerinnen und Basler nicht sehen?
Ich sehe unseren direkten Zugang zu den Weltmeeren. Rund zehn Prozent aller Schweizer Importe werden über die Rheinhäfen abgewickelt. Hier werden Güter umgeschlagen, die für unsere Wirtschaft und Versorgung wichtig sind. Der Rhein trug schon früh zur Entwicklung des heutigen Life-Science-Standorts Basel bei. Für mich persönlich ist der Hafen natürlich auch mein Arbeitsplatz und ein wesentlicher Teil meines Lebens.
Basel-Stadt hat praktisch keine freien Produktionsflächen mehr. Gleichzeitig beansprucht der Hafen grosse, gut erschlossene Areale. Lässt sich dort nicht noch mehr herausholen?
Wir prüfen laufend, wie wir die Flächen noch effizienter nutzen können. Vielleicht lassen sich durch Synergien zwischen den Unternehmen noch Reserven erschliessen. Doch der Platz ist begrenzt. Mit dem Wegfall des Westquais verlieren die Rheinhäfen zudem weitere Flächen, für die ein geeigneter Ersatz gefunden werden muss. Sowohl Container als auch Massengüter brauchen Platz.
Könnten die Hafenareale stärker für industrielle Produktion genutzt werden? Oder braucht die Logistik jeden Quadratmeter selbst?
Industrie und Logistik bilden eine untrennbare Einheit. Zementwerke sind beispielsweise direkt am Hafen angesiedelt, weil sie Kies über den Rhein beziehen. Auch Unternehmen aus der Nahrungsmittel-, Stahl- oder Schrottbranche profitieren existenziell vom Hafenanschluss. Andere Betriebe haben eigene Lager und Gleisanschlüsse. Wer zukunftsfähige Produktionsflächen schaffen will, muss die Logistik mitdenken.
Wohnen am Rhein klingt verlockend. Aber ein Hafen ist kein Postkartenmotiv: Güterumschlag verursacht Lärm, Staub und Schwerverkehr. Ist das wirklich ein Ort, an dem man wohnen möchte?
Die Lage ist attraktiv, das ist unbestritten. Aber Wohnungen in unmittelbarer Nähe können den Hafenbetrieb erheblich einschränken. Mischnutzungen funktionieren bei stillem Gewerbe, etwa bei Büros. Ein industrieller Umschlag ist etwas völlig anderes. In Birsfelden haben wir bereits heute zahlreiche Auflagen, unter anderem aufgrund von Lärmeinsprachen aus Grenzach-Wyhlen. Deshalb können wir nicht rund um die Uhr arbeiten, selbst wenn grössere Gütermengen zusätzliche Schichten erfordern würden.
Was passiert, wenn solche Einschränkungen auch in Kleinhüningen zunehmen?
Dann können wir unsere Infrastruktur weniger effizient nutzen. Unser Geschäft ist extrem kapitalintensiv: Die Fixkosten bleiben, auch wenn der Betrieb stillsteht. Sinkt die Auslastung, steigen zwangsläufig die Kosten pro umgeschlagener Tonne. Diese Mehrkosten können wir nicht beliebig an unsere Kunden weitergeben, sonst sind wir irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig. Wir brauchen Gebiete, in denen Industrie und Logistik langfristig und ohne ständig neue Einschränkungen arbeiten können.
Die Verlegung der Hafenbahn verzögert sich seit Jahren. Was bedeutet das für die Hafenwirtschaft?
Die Verlegung der Hafenbahn wird primär für die Stadtentwicklung gemacht. Für die Hafenwirtschaft hat eine Verzögerung keinen direkten wirtschaftlichen Einfluss. Entscheidend ist für uns, dass die trimodale Anbindung erhalten bleibt: Wir brauchen Wasser, Schiene und Strasse. Nur wenn alle drei Verkehrsträger zur Verfügung stehen, kann der Hafen seine Versorgungsfunktion erfüllen.
Der Rhein ist ein vergleichsweise umweltfreundlicher Transportweg. Doch Niedrigwasser erschwert die Schifffahrt. Was bedeutet das für die Wirtschaft?
Momentan können manche Schiffe nur noch 15 Prozent ihrer üblichen Ladung transportieren. Das hat wirtschaftliche und ökologische Folgen: Ein Rheinschiff ersetzt bis zu 300 Lastwagen. Für Massengüter und insbesondere für Schwergut fehlen oft Alternativen. Würden grosse Maschinen deshalb künftig erst im Ausland zusammengebaut, verliert die Schweiz industrielle Wertschöpfung.
Basel plant Tausende neue Wohnungen. Was muss die Politik dabei stärker berücksichtigen?
Mein erster Gedanke ist immer: Wo arbeiten denn die Leute? Es braucht einen guten Mix zwischen Wohnraum und Arbeitsplätzen, auch in der Produktion und Industrie. Wenn wir überall Wohnungen bauen, den Unternehmen aber immer mehr Steine in den Weg legen, fehlen irgendwann die Arbeitsplätze. Dann müssen die Menschen aus der Stadt pendeln, und wir schaffen zusätzliche Verkehrsprobleme.
Frau Grisard, wir schreiben das Jahr 2045. Würden Sie lieber in einem schönen Loft am ehemaligen Hafen wohnen – oder von Ihrem Büro aus auf einen florierenden Hafen blicken?
Auf einen florierenden Hafen blicken! Natürlich wäre die Wohnlage attraktiv. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Industrie und Logistik wesentlich zu unserem Wohlstand beitragen. Dafür brauchen sie auch künftig genügend Raum. Mein Wunsch für 2045 ist ein Hafen, in dem es brummt, ein zuverlässig befahrbarer Rhein und eine Politik, die den Wirtschaftsstandort stärkt, statt ihn durch immer neue Einschränkungen zu gefährden.



Sehr guter Bericht Frau Grisard! Wir sind als Kleinbetrieb, der nicht leise genug ist, seit knapp 3 Jahren im Hafen ansässig und schätzen diesen Standort sehr. Zudem ergeben sich viele Synergien und für die Mitarbeitenden ist der Arbeitsweg viel bequemer. Wenn man sieht, was sich hier alles entwickelt, wäre es eine Schande, das einfach irgendwann einzustampfen...